Einleitung

Wilhelm Bauer2013Sein und Ziel · Einleitungca. 1.200 Wörter · ca. 5 Min.
RegestErläuterung des Herausgebers, mit KI-Unterstützung erstellt

Bauer stellt sein Forschungsprojekt vor: Er will die praktische und die theoretische Aufgabe der Philosophie verbinden und sie mit den allgemeinsten Formen des Wissens und den Grundlagen der Einzelwissenschaften verknüpfen. Dafür führt er vier Grundideen ein – Existenz (E) und Ziel (I) als Inhalte, Negation (N) und Identifikation (G) als Methode – sowie ihre Relationen I/E und N/G, die die Hegelsche Dialektik erweitern. Er ordnet ihnen einen Entwicklungsgedanken zu, fordert eine „indefinite“ Diskussion ohne vorab festgelegten Rahmen und nennt drei Ansätze: abstrakte Begrifflichkeit, die Suche nach einem „Ersten Physikalischen“ und die Forschung zwischen diesen Polen, die er mit den Projekten „Entwicklung“ und „großer Kreis“ ausführt.

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1Auf dieser Website stelle ich mein philosophisches Forschungsprojekt zur Wissenschaftsphilosophie – unter dem Titel „Sein und Ziel“ – vor. Diese Website wird seit dem Jahr 2007 fortlaufend weiter bearbeitet – bei Anregungen, Fragen, Kritik oder Tipps für Links freue ich mich über Kommentare oder eine Nachricht von Ihnen.

2Es geht mir in meiner Arbeit um eine neue Systematisierung im Bereich der Philosophie. Man kann der Philosophie zwei Aufgaben zusprechen, ihre praktische Bedeutung für die Lebensführung und ihre Theorie-Verbundenheit. Das eine rückt den Menschen und sein gesellschaftliches Handeln in den Vordergrund, die andere Seite der Philosophie fragt nach den Prinzipien der Realität. Hier soll beides miteinander verbunden werden.

3Der Versuch, Philosophie als neuartige abstrakte Struktur zu begründen, kann nur gelingen, wenn die Form und die Inhalte philosophischer Reflexion mit den allgemeinsten Formen des Wissens und des Erkennens verbunden sind, zum Beispiel mit den axiomatischen Grundlagen der Einzelwissenschaften. Gleichzeitig sollte eine derartige philosophische Systematik auch in der gesellschaftlichen Praxis und in der menschlichen Emotionalität verankert sein.

4Diese philosophische Darstellung erhält ihre Einheit durch wenige Grundideen, welche die Mannigfaltigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der außerwissenschaftlichen Erscheinungen systematisch darstellen lassen. Das ist zum einen die Grundidee einer „Identitätsbildung“. Sie meint sowohl die konkreten wie die abstrakten Varianten aller jener ontologischen Überlegungen, die als „Sein“, „Seiendes“, „Dasein“ oder als „Existenz“ philosophiehistorisch bekannt sind. Dieser Kerngedanke wird in dem hier darzustellenden Modell abkürzend als „E“ modelliert.

5Wie das bisher in der Philosophie geschah, kann das E aus seinem abstrakten Gegensatz zum „Werden“ und zu dem, was als „Sinn“ gilt, verstanden werden. Ich versuche darüber hinaus, die aus diesen geistesgeschichtlichen Diskussionen herrührenden Erkenntnisse mit solchen moderner wissenschaftlicher Forschung zu verbinden.

6Die zweite neu zu konzipierende Grundidee kann gleichfalls variantenreich umschrieben werden, zum Beispiel als „Zielsetzung“, „Zweck“. Ich sehe in diesen Abwandlungen einen gemeinsamen Gedanken, der als „vorgestellte und erstrebte“ Wirkung beschrieben werden kann – und der als „I“ modelliert wird. Auch hier sollen die traditionellen philosophischen Aussagen durch die zeitgemäßen Erkenntnisse der Wissenschaften erweitert werden. Das führt beispielsweise dazu, dass der Zielbegriff (I) nicht allein mit dem subjektiven Wollen als Ursache einer Handlung verbunden wird. Vielmehr wird darüber hinaus die Zielsetzung als biologische Erscheinung gesehen. Auch wissenschaftliche Fundierungen in der Physik und in der Mathematik zeigen eine objektive Formierung der Zielfunktion (I). Die E-Strukturierungen und die I-Funktionen bilden das, was man die „Inhalte“ von Wissenschaften und von Philosophie nennen kann.

7Es folgt der herkömmlichen Zweiteilung, wenn ich die inhaltliche, sachliche Seite philosophischer Reflexion von der methodischen Seite unterscheide. Die methodische Seite soll der Einteilung der Inhalte in E und I in „paralleler“ Weise zugeordnet sein. Daher schlage ich als Basis einer Methodologie die Grundidee der dynamischen Negation (N) und die der Identifikationsbewegung, der Gleichsetzung (G) vor.

8Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Fülle der Varianten dieser philosophischen Grundideen in den Wissenschaften. Diese Variationsbildung beruht auf den Möglichkeiten der Beziehungsbildung, der Relationierung von E und I zu I/E sowie N und G zu N/G. Sie sind die philosophische Grundlage weiterer Analysen in zahlreichen philosophisch-wissenschaftlichen Bereichen.

9Ich bin mir bewusst, dass die Begriffe, die hinter den strikt reduzierten E, I, G, N stehen, eine lange philosophiegeschichtliche Tradition haben. Entscheidend sind jedoch hier die systematischen Relationen, die sich aus ihnen bilden lassen, zum Beispiel die I/E-Relation. Aus der Beziehung ihrer I-Seite mit der E-Seite entsteht eine neue Art von einheitlichem System, in welchem die E-Seite die Ansprüche nach bleibender Einheit und Notwendigkeit konstituiert. Aber durch die I-Seite wird zugleich die wesentliche Unabschließbarkeit, die bleibende Unvollständigkeit dieses I/E-Ganzen begründet.

10Im Laufe der Abhandlung wird gezeigt werden, wie die Relation „I zu E“ genauer zu verstehen ist. Parallel zu den Grundbegriffen E und I wird dabei die Methodik als N, G und N/G nützlich sein. Die Hegelsche Dialektik war die bisher abstrakteste methodologische Form. Ihre Elemente können als Identifikationsvorgang (G) in Beziehung zur Negation (N) dieser Identifikation verstanden werden: Die Relationierung von N und G als N/G kann über die formale Dialektik hinaus jetzt auf die Inhalte (I/E) in einer erweiterten Weise angewandt werden.

11Die weitere Arbeit besteht nun darin, Erscheinungen, Probleme und Fragestellungen von Alltagspraxen sowie der Einzelwissenschaften und der Philosophie unter derart abstrakten theoretischen Aspekten zu systematisieren, welche die vier Größen E, I, N, G und ihre Relationen untereinander darstellen.

12Es seien einige Beispiele genannt. Eine der zentralen Erscheinungen von Wissenschaft und Philosophie ist die genannte Einteilung in „inhaltliche Begrifflichkeit“ und „Methodik“. Sie wird in unserer Systematik verständlich gemacht. Ein anderes Problem ist jene Zweiteilung – welche auch innerhalb der Philosophie erscheint – zwischen den theoretischen Teilen der Realität und den eher praktischen der menschlichen Lebensführung. Ein weiteres Problemgebiet ist das der geistesgeschichtlichen Entstehung der wissenschaftlichen und philosophischen Bereiche.

13Den E, I, N, G wird von mir ein Entwicklungsgedanke zugeordnet, der zudem die historische mit der systematischen Entwicklung zusammenführt. Es geht mir mit den Ausführungen über die E, I, N, G nicht darum, einen eigenen Philosophiebegriff zu rechtfertigen, der allein in der Konfrontation dieser sich widersprechenden Begriffe besteht. Es sollten durch sie Gemeinsamkeiten philosophischer Versuche und Übereinstimmungen in den Begriffen und Methoden aller Philosophien zu erkennen und zu formulieren sein.

14Stellt man die Regel auf, dass der philosophischen Erarbeitung nichts entzogen werden sollte, dann kann diese Regel nur eine Minimalforderung sein. Das maximale Gegenstück ist die formale Einigung in der Anerkennung der Diskussionssituation aller beteiligten Philosophien und Wissenschaften, es ist der Gedanke der indefiniten Diskussion, die weder den Rahmen noch irgendeinen Begriff, noch eine Methode definitiv vorgibt. Zwischen diesen beiden formalen Begrenzungen sollte das Feld der Definitionsvorschläge, der Behauptungen, Widerlegungs- und Begründungsversuche liegen.

15Der Titel „indefinit“ indiziert aber den Vollzug eines unvermeidlichen ständigen Rekurrierens auf Vorausgesetztes. Diese unbegrenzbare Regression und Progression geht sehr bald über jeden traditionellen Bereich der Reflexion und Diskussion hinaus. Allein schon durch die Frage nach den Voraussetzungen eines bestimmten Wissens werden weiter hintergehbare Reflexionsgrößen angedeutet; selbst die Aporie hat wohl ihre Strukturen.

16In dieser Lage sollte die philosophische Denkbewegung das „unmittelbar Gewusste“, das Ausgangspunkt vieler philosophischer Versuche ist und das bei den Wissenschaften in deren Axiomatik als akzeptierte Selbstbegrenzung erscheint, genauer qualifizieren.

17Dies vorausgesetzte, unmittelbar und „intuitiv“ gewusste „Erste“ (E) muss gesucht, identifiziert (G) werden. Weiterhin ist es die „Negation“ (N), die sich als eine sich jeweils von einem unmittelbar Gewussten ablösende negative Bewegung zeigt. Zugleich ist stets sowohl in der Suche nach dem „Ersten“ wie in den Distanzierungsbewegungen von solcher Suche eine intentionale Hinwendung (I) impliziert.

18Für mich ist wichtig, dass diese vier – E, I, N, G – die hier nur als erste Voraussetzungen eines bestimmten philosophischen Verhaltens angedeutet werden, auch weiterhin die theoretischen Strukturen, Themen und Thesen bestimmen.

19Wenn wir hierbei den Anfang philosophischen Arbeitens in der Reflexion abstrakter Begrifflichkeit sehen, so gilt es, sich klar zu machen, dass es herkömmlicherweise noch zwei andere Ansätze gibt. Erst die drei zusammen können eine vernünftige Basis zeitgemäßer Philosophie darstellen.

20Der zweite Ansatz ist der Versuch der Naturwissenschaften, „Erstes Physikalisches“ und eine Erklärung für das organische Leben zu finden.

21Und der dritte Ansatz ist die Berechtigung, an jeder Stelle zwischen den zwei „Polen“ – erster Physik und abstraktester Begrifflichkeit – forschend anzusetzen. Das werde ich mit den Projekten „Entwicklung“ und „große Kreisbildung“ verdeutlichen.

Im Buch

Sein und Ziel (2026), Buch I, Einleitung (Das Projekt „Sein und Ziel“). Zum Buch

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Erstveröffentlichung am 19.10.2012 auf dieser Website. Teil des Grundwerks „Sein und Ziel“, das Bauer 2012/2013 auf dieser Website als Folge von Kapiteln veröffentlicht hat; die Einleitung stand bis 2026 auf der Startseite. Textgrundlage ist die veröffentlichte Fassung. Die Absätze folgen der Vorlage. Berichtigt wurden nur Schreibfehler (5 Stellen, einblendbar); Leerzeichen wurden vereinheitlicht. Wortlaut, Satzbau, Begriffe und Symbolik sind unverändert. Das Regest ist eine Erläuterung des Herausgebers.

Quelle: Wilhelm Bauer: Sein und Ziel (2013), Einleitung. In: wissenschaftsphilosophie.de. https://wissenschaftsphilosophie.de/einleitung/ (gedruckt am )